1. KAR-Kamingespräch in der FFC-Stiftung Essen-Steele

„Rat der Religionen“

„Welche Rolle spielen die Religionen bei der Integration?“ war das Thema des 1. Kamingesprächs, das der Katholische Akademikerverband Ruhr (KAR) in der Fürstin-Franziska-Christine-Stiftung veranstaltet hat. Zum Gespräch trafen sich der emeritierte Fundmentaltheologe Hans Waldenfels und der langjährige Integrationsbeauftragte der Landesregierung NRW Thomas Kufen, beide viele Jahre im Gespräch mit Menschen anderer Kulturen und Religionen, Kufen in Deutsch-Türkischen Foren, Waldenfels nach seinem Asienaufenthalt vor allem mit Vertretern asiatischer Länder.

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Kufen stellte zu Beginn fest, dass der Begriff „Integration“ für Türken eher unverständlich sei und in der türkischen Sprache mit „Anpassung“ übersetzt wird. Dadurch entstehen viele Spielräume der Anwendung. Das Ruhrgebiet ist seit langem eine Landschaft, in der fremdländische Menschen Aufnahme gefunden haben. Erinnert wurde an die große Zahl vor allem aus Polen Eingewanderter, die in der Zeit der beginnenden Industrialisierung ins Ruhrgebiet kamen. Die Religion war damals eher ein Bindeglied, da Katholiken mit ihrer lateinischen Liturgie in ein Land kamen, wo der Gottesdienst gleichfalls von der lateinischen Sprache beherrscht wurde.

Die Situation änderte sich nach dem 2. Weltkrieg mit dem starken Zuzug zunächst von so genannten „Gastarbeitern“, dann vor allem von Türken, aber auch Iranern und Zuwanderern aus anderen islamischen beherrschten Ländern, schließlich in jüngster Zeit dadurch, dass nicht nur Arbeitsuchende nach Deutschland kommen, sondern auch politisch Verfolgte und Asylsuchende und andere Flüchtlinge; gerade dadurch verändert sich die Qualität des fremden Zuzugs nachdrücklich.

Zu einem Wendedatum wurde der 11. September 2001, als islamistische Terroristen das World Trade Center in New York und das Pentagon in Arlington angriffen. Auch wenn der Islam, anschließend auch andere Religionen wie Judentum und Christentum in ihrer Geschichte seither in vielen Kreisen unter dem Blickwinkel der Gewalttätigkeit betrachtet werden, hat sich die Einstellung zur Religion weltweit geändert. Nicht das Ende der Religionen ist angesagt, sondern eine Wiederbelebung der Religionen. Tatsächlich war trotz aller Krisengespräche in der Öffentlichkeit lange nicht mehr so viel von Religion die Rede wie heute.

Allerdings hat sich das Christentum in unseren Breiten bisher viel zu wenig auf die neue Situation eingestellt. Beide Großkirchen in Deutschland sind nach wie vor stark mit sich selbst beschäftigt. Kufen wies darauf hin, dass auffalle, wie sehr die Katholiken mit der Aufarbeitung von Fehlverhalten, mit der Schaffung von XXL-Gemeindestrukturen, mit Gemeindefesten und binnenkirchlichen Aktivitäten, die Verbände ebenfalls mit Terminen, die die Mitglieder binden, befasst seien.

Gewiss gibt es ein gut ausgebildetes Netz fremdländischer Gemeinden. Doch was wissen Katholiken über Moscheen in ihrer Nachbarschaft? Eine Teilnehmerin aus Altenessen konnte darauf hinweisen, dass es im Essener Norden wie wohl auch in anderen Städten des Ruhrgebiets eine Mehrzahl von unterschiedlichen islamischen Versammlungsstätten gibt, wo sich Muslime verschiedener Nationalität oder auch Ausrichtung treffen. Da es so wenig „DEN Islam“ gibt wie „DAS Christentum“, ist hier noch eine Menge an Aufklärungsarbeit zu leisten, um herauszufinden, wer eigentlich mit wem über eine gute Weise des Zusammenlebens in einer Stadt sprechen kann.

Kufen berichtete von den politischen Bemühungen, im Bildungswesen, in den Schulen, aber auch an Universitäten Freiräume zu schaffen, die angesichts der Pluralität von Religionen diesen neue Möglichkeiten des Zusammenlebens schaffen. Es kann natürlich nicht Sache der Politik sein, theologische Gespräche zu führen. Doch fragt es sich, ob sich die heimischen christlichen Gemeinden, aber auch die kirchlichen Leitungsgremien ihrer Verantwortung auf diesem Gebiet voll bewusst sind. Papst Franziskus mahnt nicht ohne Grund, dass die Kirche sich nicht um sich selbst drehen darf, sondern bis an die Ränder der Gesellschaft denken und gehen muss.

Für den Fall seiner Wahl zum Oberbürgermeister kündigte Thoma Kufen an, dass er im Sinne des in Deutschland gewachsenen offenen Verhältnisses von Staat und Religion vor Ort für ein solches Verhältnis zwischen den Vertretern der Religionen eintreten wird. Hilfreich könnte dann die Schaffung eines Rats der Religionen sein, in dem sich Religionsvertreter treffen und im Miteinander zum Wohl der Stadt tätig sind. Das vom Bundesinnenminister für den Islambereich geschaffene Forum könnte hier ein Wegweiser sein. Die Frage des Religionsunterrichts, der inzwischen auch für muslimische Kinder erteilt wird, lädt zu einer Überprüfung der religiösen Unterweisung, auch der Ausbildung für diese Tätigkeit ein. Dass in einer Zeit, in der die Minderheitsrechte überdacht und gestärkt werden, diese nicht umgekehrt zur Unterdrückung des Willens der Mehrheit – etwa in der Verwendung religiöser Symbole – führen darf, sollte eigentlich selbstverständlich sein.

Soviel hat der Abend gezeigt: Die Religion ist nicht tot, auch wenn sich die Einstellung der Gesellschaft zu ihr ändert. Die Kirchen, gerade auch die katholische, tut gut daran, sich im Sinne von Papst Franziskus bewusster auf das einzustellen, was sie aus dem Evangelium heraus der Welt in ihrer Vielgestaltigkeit schuldig ist.

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